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Elektronischer Patient

Die Papierakte hat ausgedient. An der Universitätsmedizin Essen werden ab 2019 alle stationären Patientendaten digital gespeichert. Doch damit ist die Digitalisierung längst nicht abgeschlossen. 

Visite in der Unfallchirurgie des Universitätsklinikums, eine Patientin mit einer großen Wunde am Unterschenkel wird untersucht. „Das sieht schon gut aus, die Haut tritt bereits in die letzte Heilungsphase ein“, meint der diensthabende Oberarzt. Neben ihm steht ein Assistenzarzt an einem Computer und tippt mit: „Beginnende Epithelisierung am Wundgrund.“ Ein Klick und die Wunddokumentation ist in der Elektronischen Patientenakte (EPA) der Patientin gespeichert. 

Die Digitalisierung in der Medizin schreitet voran.

Was in der Unfallchirurgie seit einem Jahr praktiziert wird, ist auch auf vielen anderen Stationen der Universitätsmedizin inzwischen Alltag. Für jeden neuen Patienten wird eine Elektronische Patientenakte (EPA) angelegt, in der alle Unterlagen vom Anamnesebogen bis zur Fieberkurve digital abgespeichert werden. Mit einem Klick können die Ärzte in der Visite nun von den Vorerkrankungen zu den letzten Wundbefunden springen und haben so das gesamte Krankheitsbild der Patienten vor Augen. „Für die Sicherheit unserer Patienten ist das ein großer Schritt nach vorne“, sagt Sebastian Köwitsch, Abteilungsleiter Klinische Systeme, „denn fehlende Unterlagen oder unleserliche Handschriften wird es in der EPA nicht mehr geben.“ 

Simplinic macht’s einfach 

In der Ruhrlandklinik und am St. Josef Krankenhaus in Werden geht die Universitätsmedizin Essen den nächsten Schritt Richtung Smart Hospital. Die neue Livedaten-Plattform simplinic kann dank Bluetooth-Technologie den Standort von Objekten im Krankenhaus identifizieren. Das hilft zum Beispiel beim Belegungsmanagement, wenn simplinic frei gewordene Betten identifiziert und so die Arbeitsprozesse beschleunigt. Ähnlich wie bei einem Car-Sharing-Konzept kann der gesamte Gerätepark optimiert und die Auslastung der Geräte verbessert werden. So wird Administration erleichtert und beschleunigt, und dem Personal bleibt mehr Zeit für die Patienten.

Wie ein Streaming-Dienst 

Bei komplizierteren Fällen, die die Kompetenz und das Know-how verschiedener Experten benötigen, können Mitarbeiter der Universitätsmedizin Essen zum ersten Mal von unterschiedlichen Standorten aus zeitgleich in eine Akte schauen. Komplettiert wird die EPA zukünftig durch eine mobile Zugriffsmöglichkeit über Tablets und Smartphones.

23 % der befragten Deutschen

können sich vorstellen, im Krankheitsfall einen Operations-Roboter in Anspruch zu nehmen – das hat eine Umfrage zur Nutzungsbereitschaft zukünftiger medizinischer Instrumente und Verfahren im Krankheitsfall ergeben.


Der Nutzen der Digitalisierung gehe aber noch viel weiter, so Armin de Greiff, Technischer Direktor der Zentralen IT. Nach seiner Vision sollen Informationen genutzt werden, um zum Beispiel Patienten mit ähnlichen Symptomen oder Diagnosen zu identifizieren und damit Versorgung und Forschung zu verbessern, ganz so wie ein Streaming-Dienst das Hörverhalten der Nutzer analysiert und daraus neue Playlisten generiert. 

91 % aller befragten Deutschen

waren 2016 bereit, ihre persönlichen Gesundheitsdaten mit dem Arzt zu teilen.


Auch ein Portal, über das Patienten auf ihre Daten zugreifen können, wird gerade getestet. „Denkbar wäre zum Beispiel, dass unsere Patienten dort selbst Dokumente hochladen können oder mit Push-Nachrichten über neue Befunde informiert werden“, erklärt de Greiff.

Mit Sicherheit 

Dem Schutz der Patientendaten kommt im Universitätsklinikum Essen besonders hohe Aufmerksamkeit zu. Eine eigens etablierte IT-Security-Arbeitsgruppe kümmert sich in enger Zusammenarbeit mit den Datenschutzbeauftragten um die physische und logische Sicherheit der gespeicherten Daten. Das Maßnahmenspektrum reicht von besonders gesicherten Rechenzentren über Backup-Lösungen bis hin zu unterschiedlichsten Security-Plattformen, wie z. B. Spam-Filter, Firewall und Virenschutz. 

Indoor-GPS für mehr Patientensicherheit 

Wer sich mit dem Technischen Direktor der Zentralen IT unterhält, merkt schnell, dass die Digitalisierung der Universitätsmedizin mit der Einführung der E-Akte für ihn längst nicht abgeschlossen ist. „An den Standorten, St. Josef Krankenhaus und Ruhrlandklinik, haben wir gerade sogenannte Bluetooth-Beacons eingeführt“, verrät der IT-Experte. „Das sind kleine Bluetooth-Sender, die helfen, den Standort von mobilen Medizinprodukten zu ermitteln oder sich innerhalb eines Gebäudes zu orientieren.“ Was im Louvre bereits flächendeckend eingesetzt wird, um Besucher durch die Ausstellung zu navigieren, soll auch in der Universitätsmedizin Essen Mehrwert stiften: Nachdem alle Patientenbetten mit Beacons ausgestattet wurden, ist es für die Mitarbeiter nun ganz einfach, zum Beispiel verunreinigte Betten für die Aufbereitung freizugeben.

41 % aller befragten US-Amerikaner

sehen den größten Nutzen von elektronischen Gesundheitsdaten darin, dass Laborwerte und Bluttestergebnisse einfach abgerufen werden können. Wie eine Statistik aus dem Jahr 2016 ergeben hat, gaben 41 Prozent der Befragten dies als größten Nutzen an. 


Ein Klick in die App des Anbieters simplinic genügt. Die Mitarbeiter der Bettenaufbereitung können dank der Beacons in Echtzeit nachverfolgen, wo Betten auf eine Reinigung warten, und ihre Touren durch die Kliniken so besser planen. Auch eine Vernetzung von anderen mobilen Gegenständen wie Infusionspumpen, Ultraschallgeräten oder Transportwagen ist angedacht. Und auch die Patienten könnten zukünftig von den Beacons an den Betten profitieren: „Die Idee ist, die Beacons mit der Elektronischen Patientenakte zu koppeln“, erklärt de Greiff. „Dann wissen Ärzte und Pfleger immer genau, welchen Patienten sie da vor sich haben. Verwechslungen ausgeschlossen!“ 


Foto: Adobe Stock