Zurück zur Übersicht

Angriff der Abwehrkräfte

Immuntherapie ist ein Begriff, mit dem viele Krebspatienten Hoffnung verbinden. Nicht immer jedoch ist die neuartige Behandlung so wirksam wie bei Uwe Jensen – bei ihm reichte eine einzige Infusion.

Hätte sein Freund Werner damals nicht sein Haus saniert, wäre ihm der Krebs wohl erst viel später aufgefallen, sagt Uwe Jensen. Damals stehen beide mit freiem Oberkörper auf der Terrasse. „Freund Werner sachte: Uwe, wat hast du denn da fürn komischen braunen Fleck? Ich sach: Weiß ich nicht. Ich seh das zum ersten Mal“, erinnert sich Jensen an diesen Tag im Herbst 2016. Einige Wochen später geht er zum Dermatologen. Der 62-jährige Jensen ist einer jener Patienten, die gerade Onkologen auf der ganzen Welt faszinieren. „Früher war das wirklich frustrierend“, sagt PD Dr. Lisa Zimmer, Oberärztin am Hauttumorzentrum der Klinik für Dermatologie und Venerologie am Westdeutschen Tumorzentrum (WTZ) der Universitätsmedizin Essen. „Wenn wir Patienten mit Fernmetastasen gesehen haben, war ein Großteil von ihnen binnen eines Jahres verstorben.“ Heute dagegen gebe es für viele dieser Patienten eine Hoffnung. Sie heißt: Immuntherapie.

T-Zellen des Immunsystems attackieren eine Krebszelle. Diesen Kampf soll eine Immuntherapie unterstützen

Entfesselte Killerzellen

In einer Klinik in seiner Heimatstadt wird er operiert. Die Ärzte raten ihm, sich weiter am WTZ der Universitätsmedizin Essen behandeln zu lassen. „Als Herr Jensen bei uns ankam, war die Metastase im Gehirn bereits operiert. Aber er hatte noch weitere Fernmetastasen in der Lunge und auch eine große Metastase im Bauchraum“, sagt Lisa Zimmer, die den Patienten behandelte. Im Tumorboard, in dem im WTZ alle Fälle interdisziplinär besprochen werden, raten die Fachleute zu einer Immuntherapie. Diese Art der Krebsbehandlung gehört erst seit wenigen Jahren zum Waffenarsenal der Onkologie. Die Idee ist simpel: Die körpereigene Abwehr soll die bösartigen Geschwulste selbst bekämpfen. Warum das Immunsystem meist bei Krebs so kläglich versagt, war lange ein Rätsel der Wissenschaft. Forschungsarbeiten, die 2018 mit dem Nobelpreis gekrönt wurden, brachten den Zusammenhang ans Licht. Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte Checkpoint-Moleküle auf der Oberfläche von T-Zellen, einer Gruppe der weißen Blutkörperchen: Sie sind entscheidend dafür, ob eine Immunantwort hochoder runterreguliert wird. „Tumorzellen können sich dieser Immun-Checkpoints bedienen, um eine Anti-Tumorreaktion zu unterbinden“, erklärt Zimmer. „Wenn man diese Proteine nun blockiert, bleiben die T-Zellen aktiv und es kommt damit zur verbesserten Tumorabwehr.“ Genau das versucht die Immuntherapie. Die Kombination aus zwei Checkpoint-Inhibitoren, die Uwe Jensen kurz vor Weihnachten 2017 im Hautkrebszentrum am WTZ als Infusion erhalten hat, verfehlt ihre Wirkung nicht. „Bereits durch eine einzige Gabe wurde die Aktivität seiner T-Zellen so hochgeschaltet, dass es zur Behandlung ausgereicht hat“, sagt Zimmer. Gegen den plötzlichen Überfall der Abwehrzellen hat der Krebs keine Chance, die Metastasen verschwinden. Allerdings greift das Immunsystem auch Jensens Leber und Darm an.

Uwe Jensen muss immer noch regelmäßig zur Nachsorge – noch gibt es keine Langzeitdaten zu Immuntherapien

Gemeinsam forschen gegen Krebs

Unter dem Dach des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ) arbeiten Experten der Universitätsmedizin Essen und des Universitätsklinikums Münster bei der Versorgung von Menschen mit Krebserkrankungen künftig eng zusammen. Dazu werden zum Beispiel Untersuchungsergebnisse und Behandlungen gemeinsam ausgewertet, um Fortschritte in der Krebsmedizin zu erwirken, von denen die Betroffenen unmittelbar profitieren. 

Mehr Infos zum WTZ

Rettung mit Risiko

Schließlich spielt auch die Lunge verrückt. Wochenlang wird Jensen stationär behandelt. Doch schließlich beruhigt sich sein Körper. „Diagnose heute: kein Nachweis einer Tumormanifestation“, sagt der Rentner glücklich nach einem Nachsorgetermin im April 2019. Die nächsten Jahre muss er weiterhin alle paar Monate zum Check vorbeikommen. Es gibt noch zu wenige Langzeiterfahrungen mit Immuntherapien. Daten, die bislang vorliegen, zeigen, dass längst noch nicht alle von der Behandlung mit Checkpoint-Inhibitoren profitieren. Das Vier-Jahres-Überleben liegt für das Melanom – je nach Wirkstoff – bei 30 bis 50 Prozent. Warum das Immunsystem mancher Patienten sich leicht gegen den Krebs aktivieren lässt, während die Mittel bei anderen wirkungslos bleiben? Nach Antworten auf diese Frage fahnden auch viele Forscher der Universitätsmedizin mit Hochdruck. „Bislang hat man beim Melanom noch keinen in der klinischen Routine einsetzbaren Biomarker gefunden, der das erklären oder voraussagen könnte“, sagt Zimmer. Die Suche geht weiter.


Fotos: Spectral Design/Adobe Stock; Jan Ladwig