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"Mehr Gelassenheit beim Thema Schlaf"

Prof. Dr. Christoph Schöbel (38) bekleidet die erste Professur für Schlaf- und Telemedizin in Deutschland. An der Ruhrlandklinik will der gebürtige Thüringer die Disziplin digitaler aufstellen.

Mit wie viel Schlaf kommen Sie aus?

Mit sieben bis siebeneinhalb Stunden liege ich etwa im Bundesdurchschnitt. Studien zeigen aber: Die Schlafzeit nimmt immer weiter ab.

Woran liegt das?

Handys, TV oder Computer bestimmen rund um die Uhr den Alltag. Ihr Licht verhindert die Melatonin-Ausschüttung. Dieses Hormon benötigen wir aber, um müde zu werden. Dazu kommt: Der Trend zur Selbstoptimierung macht auch vor dem Schlaf nicht halt. In der Leistungsgesellschaft gilt als wertvolles Mitglied, wer mit wenig Schlaf auskommt. Aber das Schlafbedürfnis ist genetisch festgelegt, dagegen kommt man kaum an. Je mehr man den eigenen Bio-Rhythmus zu verbiegen versucht, desto schlechter das Resultat.

Was sagen Sie Menschen, die unsicher sind, ob ihr Schlaf gut ist?

Immer mehr Leute kommen zu mir, weil ihnen ihre Smartwatch am Handgelenk sagt, ihr Schlaf sei nicht optimal. Das Paradoxe: Frage ich, ob sie denn wirklich schlecht schlafen, verneinen sie das meistens. Aber kein derzeit im Handel erhältlicher Schlaf-Tracker kann valide Daten messen. Generell kann ich nur zu mehr Gelassenheit beim Thema Schlaf raten. Jeder schläft mal schlecht. Das heißt aber nicht, dass man dann automatisch krank sein muss.

Prof. Dr. Christoph Schöbel schläft in Essen deutlich besser als in seiner alten Heimat Berlin.

Aber ab welchem Punkt sollte man sich Gedanken machen?

Wenn die Schlafstörungen an einer Mehrzahl der Tage pro Woche bestehen, und das über mehr als drei Monate, und man die Auswirkungen davon am Tage verspürt, spricht man von einer chronischen Schlafstörung. Dann sollte man den Arzt um Hilfe fragen. Wartet man zu lange, kann das ein dauerhaftes Problem werden.

Wie misst man die Qualität des Schlafs richtig?

Wie viel Leicht-, Tief- und Traumschlaf hat der Patient? Hat er nächtliche Beinbewegungsstörungen oder Atemaussetzer, sogenannte Apnoen? Wie oft wacht er auf? Alle wesentlichen Schlafdaten werden im Schlaflabor im Laufe einer Nacht aufgezeichnet. Problematisch ist, dass auf der Basis nur dieser einen Nacht der Patient dann eine Therapie verordnet bekommt, häufig ein Überdrucktherapiegerät, manchmal auch Medikamente. Ob vielleicht auch kardiologische oder neurologische Grunderkrankungen für die Störungen mitverantwortlich sein könnten, diese Frage wird oft nicht weiterverfolgt.

Schlafmedizinisches Zentrum

Ausführliche Informationen zum Schlafmedizinischen Zentrum sowie einen Online-Schlafcheck finden Sie unter

www.schlafmedizin-essen.de

Telefonische Terminvereinbarung:

0201-433-11133

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Welchen Ansatz verfolgen Sie stattdessen?

Man sollte die Ergebnisse des Schlaflabors nicht isoliert betrachten, sondern in die gesamte Patientengeschichte einbetten. Wir wissen, dass das nicht immer einfach ist, denn die Schlafmedizin hat als junge Disziplin längst nicht jeder auf dem Schirm. Das Schlafmedizinische Zentrum steht deshalb mit seiner Expertise für alle Kollegen der Universitätsmedizin hoffen. Auch in der Lehre wollen wir die nächste Ärzte-Generation für die Schlafmedizin mit neuen Studieninhalten sensibilisieren. Die Frage „Wie steht es um Ihren Schlaf?“ sollte irgendwann zu jedem Anamnese-Gespräch dazugehören, gerade wenn es um Herzbeschwerden oder Bluthochdruck geht.

An welchen technischen Neuerungen arbeiten Sie?

Gemeinsam mit dem Universitätsklinikum arbeiten wir derzeit an einem mobilen kontaktlosen Messgerät auf der Basis von Ultraschalltechnik. Damit können wir unsere Diagnostik unabhängig vom Schlaflabor einsetzen und den Schlaf auch zu Hause in der natürlichen Umgebung des Patienten aufzeichnen. Die aufgenommenen Daten werden dann drahtlos in die Klinik übermittelt – alles still und leise im Hintergrund. Ähnlich smart arbeiten zum Beispiel heute schon die Überdrucktherapiegeräte, die in der Nacht Schlafdaten aufzeichnen und weiterleiten. Das Positive daran ist, dass nicht nur der behandelnde Arzt, sondern auch der Patient selber direkt eine Rückmeldung über mögliche Therapieprobleme erhält.

Was versprechen Sie sich davon?

Das wird unsere gesamte Schlafmedizin auf ein neues Level heben, weil wir die Menge und die Qualität der Daten erweitern und noch besser für die weiterbehandelnden Haus- oder Fachärzte aufbereiten können. Vor allem bei chronischen Erkrankungen sind mit einem umfassenderen Datenüberblick noch individuellere und passgenauere Therapien möglich. Neben der Erkennung und Behandlung schlafmedizinischer Erkrankungen soll damit auch die Bedeutung von gesundem Schlaf in der Prävention anderer Erkrankungen stärker genutzt werden. Dafür setze ich mich auch in der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sowie in der Initiative „Deutschland schläft gesund“ ein.


Fotos: Frank Preuss; Nicole Honeywill/Unsplash