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"Gesundheit bleibt ein analoges Thema"

Dr. Anke Diehl ist Deutschlands wohl die einzige Digital-Change-Managerin in einem Krankenhausverbund. Ihre Aufgabe: die Transformation der Universitätsmedizin Essen zum Smart Hospital zu unterstützen.

Im März 2018 hat die Universitätsmedizin Essen Sie als Digital-Change-Managerin eingestellt. Warum brauchte es eine solche Position?

Ich vergleiche die Universitätsmedizin gerne mit einer großen Flotte, die aus 56 Schiffen, den einzelnen Kliniken und Instituten, besteht. Jedes hat seine eigene Mannschaft, eigene Bedarfe inklusive zum Teil unterschiedlicher IT- und Softwaresysteme. Richtig smart wird es erst, wenn diese miteinander kompatibel werden und alle in eine Richtung fahren.

Und dafür sorgen Sie?

Natürlich kann ich das nicht alleine, aber meine Aufgabe ist es, die Kommunikation auf allen Ebenen zu fördern: Kontakte herzustellen, die richtigen Menschen aus den verschiedenen Instituten miteinander zu vernetzen, Arbeitsgruppen zu bilden. Dafür tausche ich mich ständig mit unseren Mitarbeitern, aber auch mit Vertretern aus Gesundheitspolitik und -wirtschaft aus. Das Ziel sind Synergien. Dazu muss jeder wissen, was nebenan passiert. Ansonsten entstehen Insellösungen und Parallelstrukturen, die Zeit und Ressourcen binden. Das müssen wir unbedingt vermeiden. Am Ende profitieren Patienten und Mitarbeiter davon gleichermaßen.

Dr. Anke Diehl

Die gebürtige Pfälzerin ging im afrikanischen Swaziland zur Schule.

Was haben Patienten von einem smarten, synchronisiert arbeitenden Krankenhaus?

Kompatible, smarte Systeme ermöglichen es, Informationen, die einmal eingetragen werden, überall abzurufen – das hilft den Patienten, da zum Beispiel Allergien, Medikamente oder Vorbefunde nicht immer wieder neu erfragt werden müssen. Idealerweise schließt dies auch Befunde aus dem niedergelassenen Bereich, beispielsweise von Hausärzten, mit ein. Wenn wir das erreicht haben, steht der Patient wirklich im Mittelpunkt.

Woran arbeiten Sie gerade genau?

Das Spektrum reicht von der Umsetzung elektronischer Patientenbefragungen bis hin zur Unterstützungsentwicklung medizinischer Apps. Am spannendsten finde ich derzeit das Projekt „Patientenportal“, das 2020 an den Start geht. Darüber können unsere Patienten dann direkt mit uns kommunizieren. Das spart viele Wege und Wartezeiten. 

Wie wird das Patientenportal funktionieren?

Vor der Aufnahme in die Universitätsmedizin lädt man eine App herunter, die hier dann mit der elektronischen Patientenakte gekoppelt wird. Natürlich alles unter Wahrung des Datenschutzes. Über die App kann der Patient dann Vorbefunde, wie frühere Arztbriefe, hochladen, Checklisten oder Fragebögen bearbeiten, Patienteninformationen lesen und sogar noch nach Entlassung mit uns in Kontakt bleiben. Ein Quantensprung in der Kommunikation hin zu mehr Patientenbeteiligung.

"Es geht um Menschen aus Menschen aus Fleisch und Blut."

- Dr. Anke Diehl

Die Digitalisierung betrifft alle Bereiche der Universitätsmedizin. Welche liegen Ihnen aktuell besonders am Herzen?

Im Gesundheitswesen arbeiten sehr viele Frauen, und es ist mir ein ganz besonderes Anliegen, dies auch an der Schnittstelle Medizin und Technik anzusprechen: In unserer IT sind beispielsweise 27 Prozent der Beschäftigten Frauen. Das ist deutlich mehr als anderswo, aber noch längst nicht genug. Der Input von Frauen bei der Digitalisierung von Gesundheitsprozessen sollte insgesamt deutlich stärker sein, und daran arbeiten wir.

Wie smart war das Universitätsklinikum, als Sie 1998 als Assistenzärztin hier anfingen?

Wir waren schon damals erstaunlich weit. So habe ich selbst die Umstellung in der Radiologie auf das digitale Bildablage- und Kommunikationssystem PACS, das Picture Archiving and Communication System, miterlebt. Danach mussten wir nicht mehr zeitraubend nach ausgedruckten Röntgenfilmen und -tüten suchen. Alles war über das neue System zu finden – ein Riesenvorteil für Mitarbeiter, Patienten und die internationale Vernetzung. Für die radiologische Forschung ein revolutionärer Schritt. Er legte den Grundstein für vieles, zum Beispiel für die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz, die wir heute im Haus stark forcieren.


Smart Hospital und Künstliche Intelligenz

Unter dem Begriff Smart Hospital versteht man ein Krankenhaus, das sich ganzheitlich an der Gesundheits- und Krankengeschichte der Menschen orientiert. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der Prävention. Um das zu erreichen, benötigt das Krankenhaus so viele valide und qualitativ hochwertige Patientendaten wie möglich. Dafür ist eine sektorenübergreifende Vernetzung mit externen Gesundheitseinrichtungen, insbesondere mit niedergelassenen Ärzten, erforderlich. Damit aus einer großen Menge an Daten die richtigen Schlüsse gezogen werden können, ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz erforderlich. Ziel ist es, Ärztinnen und Ärzte von immer wiederkehrenden Routinearbeiten entlasten, damit sie sich intensiver um Patienten und ihre Leiden selbst kümmern können. ai.uk-essen.de


 

Wo steht die Universitätsmedizin heute?

Ob Telemedizin, Virtual Reality, Robotik oder auch die Künstliche Intelligenz, für die gerade ein eigenes Institut aufgebaut wird: Die Universitätsmedizin ist auf vielen Gebieten Vorreiter in Deutschland. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns ausruhen dürfen. Der Weg zum Smart Hospital ist wie ein Marathon ohne Ziellinie. Er wird uns dauerhaft beschäftigen.

Worin unterscheidet sich eigentlich die Digitalisierung eines Krankenhauses von der eines „normalen“ Unternehmens?

Wir sind kein Online-Versand oder ein Autohersteller, unser Kerngeschäft ist die stationäre Patientenversorgung. Digitalisierung im Krankenhaus zielt immer darauf ab, die Versorgung der Patienten zu verbessern, und nicht auf kurzfristige Profite. Gesundheit bleibt ein analoges Thema. Es geht um Menschen aus Fleisch und Blut.

Universitätsmedizin gewinnt Deutschen CHANGE Award

Der Deutsche CHANGE Award geht in diesem Jahr an die Universitätsmedizin Essen. Ausschlaggebend für das BQS Institut für Qualität war der konsequente Weg der UME zum Smart Hospital. Vor allem die Gründung des bundesweit einzigartigen Instituts für PatientenErleben überzeugte die Juroren.

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Foto: Privat