Zurück zur Übersicht

Der Mutmacher

Prof. Dr. Jens Siveke hat täglich mit todkranken Patienten zu tun. Um ihnen zu helfen, forscht er nach neuen Mitteln gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Der Gegner, mit dem es Jens Siveke täglich aufnimmt, ist für viele Menschen zu stark. Nur zehn Prozent der Patienten, die einen Bauchspeicheldrüsenkrebs ent- wickeln, leben fünf Jahre nach der Diagnose noch. „Ein Markenzeichen ist, dass dieser Tumor erschreckend flexibel auf alle unsere verschiedenen Therapiestrategien reagiert“, sagt der Professor für Translationale Onkologie am Westdeutschen Tumorzentrum Essen (WTZ) und am Partnerstandort des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung.

Was macht diese Krebszellen so therapieresistent? Und wie könnte man sie überlisten? Zumindest auf die erste Frage hat der mehrfach preisgekrönte Krebsforscher, der vor drei Jahren vom Klinikum rechts der Isar in München ans WTZ gewechselt ist, eine Antwort: „Schuld daran ist ihre enorme Wandlungsfähigkeit.“

Und diese Plastizität rühre vermutlich nicht nur – wie bei manch anderen Krebsarten – von mutierten Genen her, sagt der 45-Jährige. „Wir glauben, dass die Feinjustierung der Genaktivität über veränderbare Modifikationen des Erbguts eine wesentliche Rolle spielt.“

Fehler beim Ablesen

Die Regulation dieser Modifikationen regelt das Ablesen des Erbguts. „Ablesefehler“ haben damit zu tun, dass die DNA – wie eine Zipdatei im Computer – erst „entpackt“ werden muss, bevor eine Erbinformation abgerufen werden kann. Dieses „Paket“ ist so eng geschnürt, dass ein Ablesen erst möglich wird, wenn bestimmte Proteine das DNA-Knäuel an der richtigen Stelle lockern. Arbeiten die Helfer fehlerhaft, legen sie die falschen Gene frei oder regulieren sie in fälschlicher Weise. Und setzen damit schlimmstenfalls Abläufe in Gang, die zur aggressiven Erkrankung und Therapieresistenz führen. An dieser sogenannten epigenetischen Regulation setzen Siveke und seine Essener Mitarbeiter an. Ihre Therapieideen untersuchen sie zunehmend an menschlichen Tumorzellen, die direkt bei der Resektion oder Biopsie von Tumoren isoliert und als sogenannte Organoide vervielfältigt werden. Vorstellbar sei, dass zahlreiche Wirkstoffe in Zukunft „live“ und individuell an patienteneigenen Zellen getestet werden, sagt Siveke.

Schon heute nutzen die Forscher Bildge- bungsdaten aus CT oder MRT, um möglichst früh Patienten mit hochresistenten Tumoren zu identifizieren, die nicht von einer Therapie profitieren. „Hier besteht ein enormes Entwicklungspotenzial über innovative Bildgebungsmodalitäten und neue Analysemethoden.“

Auch wenn jeder Tumor anders ist: Die Hoffnung, einen „Schlüssel“ gegen den Krebs zu finden, der bei einer möglichst großen Patientengruppe passt, hat Jens Siveke nicht aufgegeben. „Ich bin davon überzeugt, dass wir auch bei der Bauchspeicheldrüse effektivere Therapien finden werden, die zum Beispiel zusammen mit einer epigenetischen Therapie wirksam sind.“ Eine entsprechende klinische Studie soll noch dieses Jahr starten.

Aktuelle Forschungsergebnisse

veröffentlichen wir hier.

Das Westdeutsche Magen-Darm-Zentrum finden Sie hier.


Illustration: MARIA MARTIN