Zurück zur Übersicht

Signalstörung

Schmerzen warnen. Schmerzen nerven. Und manchmal wollen sie einfach nicht verschwinden. Die gute Nachricht: Man kann etwas gegen sie tun!

Mit einem Brennen fängt es an. Erst pocht nur ein Punkt an der rechten Schläfe, dann zieht der Schmerz Richtung Nacken, irgendwann dröhnt die gesamte Kopfhälfte. „Mit jedem Schritt wird es intensiver“, sagt Jil De Stefano. „Irgendwann hast du das Gefühl, dass dir jemand eine Bohrmaschine in den Kopf drückt.“

Brennen, Dröhnen, Bohrmaschine: Für Schmerz gibt es viele Begriffe. Er ist etwas Natürliches, ein Warnsignal, das auf eine Bedrohung hinweist. Verlieren Menschen die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden – etwa als Folge eines Diabetes –, können sie nicht mehr auf Verletzungen reagieren. Insofern ist es gut, wenn es wehtut. Manchmal allerdings ist Schmerz kein Signal. Sondern selbst eine Störung. So wie bei Jil De Stefano.

Jill De Stefano - die TV-Redakteurin bekommt regelmäßig heftige Kopfschmerzattacken.

Cluster-Kopfschmerz heißt die Erkrankung, die bei der 32-Jährigen chronisch geworden ist. Die Schübe kommen anfallartig und dauern bis zu drei Stunden an. Oft werden sie so stark, dass es kaum auszuhalten sei, sagt die Rheinländerin, die als TV-Redakteurin in Köln arbeitet. Deshalb habe sie immer eine Spritze dabei, um sich ein Notfallmittel zu injizieren – die gängigen Medikamente wirken gegen Cluster-Kopfschmerz nicht. In Hochphasen brauche sie vier oder mehr solcher Injektionen am Tag.

Andrea Heisler - Ihre Migräne kam früher anfallartig. Heute hat sie permanent leichtes Kopfweh.

Deutschlandweit leiden zwölf bis 15 Millionen Menschen an länger andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen, so eine Schätzung der Deutschen Schmerzliga. Am weitesten verbreitet sind Rückenbeschwerden: Beinahe jeder dritte Erwachsene hat öfter oder ständig „Rücken“, bei 15 Prozent sind die Beschwerden chronisch. Ebenfalls zehn bis 15 Prozent der Deutschen klagen über Migräne, die häufigste Kopfschmerzart. Clus- ter-Kopfschmerz dagegen ist sehr selten.

Für Patienten wie De Stefano ist das ein Problem. Zum ersten Mal habe sie eine Attacke mit 13 oder 14 erlebt, erzählt sie. Mit der Zeit kamen die Anfälle immer häufiger. Dass es sich um Cluster-Kopfschmerz handelte, sei ihr und ihren Ärzten lange nicht klar gewesen, sagt die Aachenerin: „Ich war dreimal in der Röhre, beim Augenarzt und bei diversen Fachärzten – ohne Ergebnis.“ Auf die richtige Diagnose sei erst eine Neurologin gestoßen, die zufällig über Cluster-Kopfschmerz gelesen hatte.

„Viele niedergelassene Kollegen kennen diese Art von Kopfschmerzen nicht“, bestätigt Prof. Dr. Dagny Holle-Lee, die das Westdeutsche Kopfschmerzzentrum in der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen leitet. Hier ist De Stefano seit einiger Zeit in Behandlung. Im Schnitt bekämen Patienten erst zehn Jahre nach Ausbruch der Krankheit die richtige Therapie, sagt Holle-Lee. „Viele Patienten leiden dann jahrelang unter eigentlich gut behandelbaren Schmerzen.“

Für Patienten mit chronischen Schmerzen sind Anlaufstellen wie das Westdeutsche Kopfschmerzzentrum oder die Schmerzambulanz des Universitätsklinikums Essen oft so etwas wie die letzte Rettung. Was auch daran liegt, dass hier geforscht wird – und deshalb Therapien verfügbar sind, die Patienten anderswo nicht bekommen. So ist Essen eines der wenigen Forschungszentren in Deutschland, die Cluster-Kopfschmerz-Patienten mit Ketamin behandeln, wenn die üblichen Therapien gescheitert sind. Das Betäubungsmittel, das ursprünglich aus der Tiermedizin stammt, bekommt aktuell auch De Stefano.

Jill De Stefano testet ein neues Medikament gegen Cluster-Kopfschmerz.

Trampelpfad ins Gehirn

Neue Therapien zu testen ist das eine. Fast genauso wichtig: Grundlagenforschung. Denn auch wenn inzwischen vielen Patienten geholfen werden kann, bleiben Fragen: Warum verschwinden manche Schmerzen nicht, während andere abklingen? Wie kann man Schmerzerfahrung im Gehirn verfolgen? Und welche Rolle spielt die Psyche?

Wie Erwartungen und Erfahrungen auf die Schmerzwahrnehmung wirken, untersucht Prof. Dr. Ulrike Bingel mit ihrem Team im vierten Stockwerk der Klinik für Neurologie. An einem Vormittag im Februar sitzt hier Andrea Heisler vor einem Computerbildschirm. Um den Kopf trägt sie ein Stirnband, das in regelmäßigen Abständen kleine Stromstöße an ihre Stirn abgibt. Heisler beantwortet dann eine Frage, die auf dem Monitor vor ihr aufleuchtet: „Wie unangenehm war dieser Reiz?“

Mit Schmerzreizen im Kopf hat die 25-Jährige Erfahrung. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin des Universitätsklinikums Essen leidet seit sieben Jahren unter Migräne. „Früher kamen die Anfälle manchmal alle zwei bis vier Wochen“, sagt die Essenerin. An solchen Tagen kribbelte die gesamte linke Körperseite, helles Licht bereitete ihr Schmerzen, sie wurde von Übelkeit geplagt. In solchen Phasen könne sie sich nur bei geschlossenen Jalousien ins Bett legen, sagt Heisler. Heute seien solch heftige Attacken zum Glück seltener. „Dafür habe ich jetzt jeden Tag leichte Kopfschmerzen. Daran habe ich mich allerdings schon fast gewöhnt.“

"Je länger die Schmerzen anhalten, desto schwieriger sind sie zu behandeln."

- Prof. Dr. Dagny Holle-Lee


Seit Jahren täglich Schmerzen: Heisler ist ein Paradebeispiel für die Patientengruppe, die Neurowissenschaftler wie Prof. Dr. Ulrike Bingel interessieren. Bingel ist eine der bekanntesten Schmerzforscherinnen Deutschlands. Eines ihrer Fachgebiete: die Placeboforschung, also die Frage, wie Scheinmedikamente ohne Wirkstoff Schmerzen lindern. In früheren Untersuchungen konnten Bingel und ihr Team zeigen, dass individuelle Erwartungen und Vorerfahrungen die Wirkung von Schmerzmitteln stark beeinflussen. In einer neuen Studie verfolgen die Forscher nun eine andere Spur: Kann es sein, dass chronischer Schmerz eine Störung des Verlernens ist?

Die Idee liegt nahe. Denn einerseits gibt es zwar durch- aus organische Gründe für Dauerschmerz – etwa beschädigte Nervenfasern, die falsche Signale senden. Andererseits kann aber genauso eine Lernerfahrung für den Dauerreiz verantwortlich sein. „Wenn Schmerzsignale sehr oft über dieselben Nervenbahnen gesendet werden, bildet sich über die Zeit eine Art Trampelpfad ins Gehirn“, sagt Bingel. Eine solche Vorbahnung könne empfindlicher für Schmerz machen. Hinzu kommt die klassische Konditionierung, also ein Reiz-Reaktions-Mechanismus: „Patienten lernen zum Beispiel, dass ihnen immer der Rücken wehtut, wenn sie sich bücken.“ Das kann anfangs eine organische Ursache haben. „Aber irgendwann verknüpft das Gehirn das Bücken mit dem Schmerz, auch wenn die Ursache weg ist. Dann geht es darum, den Schmerz wieder zu ‚verlernen‘.“

Was ist Schmerz?

Schmerz ist eine Sinneswahrnehmung, an der zahlreiche Körperbereiche beteiligt sind. Den Anfang machen Schmerzfühler, die etwa in der Haut oder den Eingeweiden stecken. Diese sogenannten Nozizeptoren sind stumpfe Enden bestimmter Nerven: Wird es zu kalt oder zu heiß, schüttet der Körper bei einer Entzündung chemische Stoffe aus, oder ist der Druck zu groß, reagieren sie mit elektrischen Impulsen. Die Signale laufen über Nervenfasern zum Rückenmark und von dort ins Gehirn. Erst wenn sie dort angekommen sind, wird uns der Schmerz bewusst, wir können ihn lokalisieren und den betroffenen Bereich behandeln. Manchmal senden Nerven Schmerzimpulse aber auch ohne akute Ursache ans Gehirn. Dann spricht man vom chronischen Schmerzsyndrom.


Um solche Erwartungen und Erfahrungen in die Therapie einzubeziehen, setzt die Schmerzambulanz am Universitätsklinikum schon lange auf den sogenannten multimodalen Ansatz. Dabei werden Patienten mit chro- nischen Schmerzen außer von Medizinern und Physiotherapeuten auch von Psychologen behandelt. „Ängste, Depressionen und Sorgen, selbst unbearbeitete Konflikte können Schmerzen verschlimmern und deren Linderung verlangsamen“, erklärt Bingel. „Und chronische Schmerzen beeinflussen das Denken, Fühlen und Handeln. Daher ist es wichtig, psychologische Aspekte einzubeziehen.“

Außer dem psychologischen Ansatz sieht Bingel auch Potenzial in der medikamentösen Therapie. Womöglich könnten die Ergebnisse ihrer Forschungsgruppe dazu beitragen, dass irgendwann eine neue Klasse von Schmerzmitteln auf den Markt kommt. Wie US-Forscher bereits 2015 im Mauslabor zeigen konnten, ist der Botenstoff Dopamin zentral für Weiterleitung chronischer Schmerzsignale. Weil das Belohnungshormon zugleich Lernprozesse steuert, könnte es sein, dass Schmerzpatienten sich auch in puncto Lernen von Gesunden unterscheiden.

Schmerz in Deutschland

  • 12 bis 15 Millionen Menschen leiden an länger andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen.
  • 4 bis 5 Millionen sind stark beeinträchtigt.

Hoffnung auf neue Medikamente

Genau hier setzen die Essener Wissenschaftler an. An Probanden wie Andrea Heisler, die zu Versuchszwecken kleine Stromstöße bekommen, während sie auf Bildschirmen Aufgaben lösen, erforschen sie den Zusammenhang zwischen Schmerz und Lernen. „Wir haben Daten erhoben, bei denen visuelle Reize entweder mit einer Schmerzzunahme oder mit einer Schmerzabnahme gekoppelt waren“, erklärt Bingel. Erste noch unveröffentlichte Ergebnisse deuten darauf hin, dass Menschen offenbar leichter lernen, wenn Schmerz zunimmt, als wenn er abnimmt. „Unsere These ist, dass dieses sogenannte präferenzielle Lernen bei chronischen Schmerzpatienten noch stärker ausgeprägt ist“, sagt Bingel. Sollte das stimmen, könnte es einmal Medikamente geben, die die Dopaminzufuhr eindämmen und Patienten so das Verlernen von Schmerzen erleichtern. Aber das ist noch eine Zukunftsvision.

Schneller könnten Therapien Realität werden, an denen ihre Kollegin Holle-Lee mitforscht. „Seit Ende 2018 gibt es zum ersten Mal eine Antikörpertherapie, die vorbeugend gegen Migräne wirkt, wahrscheinlich zukünftig aber auch bei Cluster-Kopfschmerz eingesetzt werden soll“, erklärt die Neurologin. Aktuell wird der Erfolg dieser neuen Behandlung in Essen im Rahmen von Studien untersucht. Zugleich forscht man hier auch an weiteren neuen Therapieoptionen etwa gegen die Trigeminusneuralgie, einer schmerzhaften Reizung der Gesichtsnerven.

Prof. Dr. Ulrike Bingel untersucht, wie Lernen und Schmerzerfahrung zusammenhängen.

Die Ketamin-Infusionen, für die Jil De Stefano aus ihrem Wohnort Aachen regelmäßig nach Essen fährt, zeigen bereits Wirkung. Zwar habe sie immer noch Attacken, sagt De Stefano: „Aber im Gegensatz zu den 28 im Januar waren es Februar nur neun.“ Und die waren weniger schlimm. Oft gehe es bei der Behandlung von Schmerzpatienten erstmal nicht um Heilung, sondern um Linderung, sagt Holle-Lee. Das Ziel sei, einen Zustand zu schaffen, in dem sich Patienten nur noch wenig beeinträchtigt fühlten und nicht das ganze Leben nur vom Schmerz dominiert sei. „Und das schaffen wir bei sehr vielen.“


Text: Michael Aust
Fotos: Bozica Babic