"Der Normalbetrieb läuft wieder an"

Die Universitätsmedizin Essen war und ist das Corona-Zentrum der Metropole Ruhr. Vorstandsvorsitzender Prof. Jochen A. Werner und der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Thorsten Kaatze über ein Klinikum im Ausnahmezustand, das behutsam wieder in die Normalität geführt wird.

Herr Professor Werner, wann kam Ihnen der Gedanke, dass mit Corona etwas Großes auf uns zurollt?

Prof. Jochen Werner: Ich habe Ende 2019 von den ersten Fällen in Wuhan gehört. Zu dem Zeitpunkt war das mögliche Ausmaß noch nicht klar. Als aber die ersten Fälle in Deutschland bekannt wurden, war mir gleich bewusst, dass wir als Universitätsmedizin Essen eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung der Pandemie spielen würden. Ich zähle nicht zu denjenigen, die behaupten, man hätte alles viel früher erkennen müssen. SARS-CoV2 ist für die Medizin, aber auch für die Gesellschaft in dieser globalen Dimension eine absolute Ausnahmesituation. Unser Wissen zu Covid-19 hat in den wenigen Monaten deutlich zugenommen. Zuerst ging man von einem die Atmung betreffenden Infekt aus, heute gestaltet sich das Krankheitsbild wesentlich komplexer. Und ich bin sicher, uns fehlt immer noch einiges, um Covid-19 in seiner Gesamtheit zu begreifen.

"Der Schritt zu einer neuen Normalität ist wichtig." - Thorsten Kaatze (FOTO: JAN LADWIG)

Es wurde nicht zu spät gehandelt?

Thorsten Kaatze: Wir in Deutschland haben sehr zügig und sehr konsequent gehandelt. Die Zahlen der Infizierten, Geheilten und der vergleichsweise wenigen Verstorbenen sprechen für sich. Die meisten anderen Länder würden gern mit der Situation bei uns tauschen. Die Universitätsmedizin Essen haben wir in kürzester Zeit in Covid- und Non-Covid-Bereiche aufgeteilt. Wir haben die Zentralen Notaufnahmen umstrukturiert, um schon bei der Aufnahme die infizierten von den nicht infizierten Patienten zu trennen. Wir haben die Intensivkapazitäten ausgebaut und die komplette Krankenhausorganisation in einen „Corona-Modus“ überführt. Schon Ende Februar fand bei uns erstmals eine Sitzung der Klinik-Einsatzleitung statt – eines Gremiums, in dem Mediziner, Hygiene- Verantwortliche, der Einkauf und Mitarbeiter aus der Verwaltung in einer Videokonferenz die Lage besprechen. Diese Besprechung findet seitdem jeden Tag statt. Parallel stehen wir natürlich auch mit dem Gesundheitsamt der Stadt in engem Austausch.

Die Universitätsmedizin hat ein großes Institut für Virologie. Wie beteiligen Sie sich an der Erforschung des neuen Virus oder der Suche nach einem Impfstoff?

Werner: Wir haben mit Professor Dittmer und seinen Kollegen tatsächlich eines der besten virologischen Teams in Deutschland. Wir kooperieren seit 1983 mit Ärzten der Universitätsklinik Wuhan, dem Epizentrum der Epidemie. Unsere Virologen und Infektiologen forschen mit den chinesischen Kollegen an Testverfahren, Charakterisierungen des Virus und verschiedenen Wirkstoffen. Wir waren immer gut über die Lage in China informiert und bekamen wertvolle Tipps zum Beispiel zu den Auswirkungen einer Covid-19 Infektion auf Kinder und Schwangere.

Nun soll es eine behutsame Rückkehr zur Normalität geben. Wie geht die Universitätsmedizin hier vor?

Werner: Wir sind nicht mit anderen Krankenhäusern zu vergleichen, wir bleiben das Corona-Zentrum der Metropole Ruhr. Insofern wird bei uns auch mittelfristig alles darauf ausgerichtet sein, dass wir eine mögliche zweite oder dritte Welle beherrschen. Ob eine separate Einlieferung der Patienten, geschultes Personal, erweiterte Intensivkapazitäten, speziell ausgestattete Krankenzimmer mit Schleusen und Unterdruck – wir sind weiterhin gut vorbereitet.

Kaatze: … und gewährleisten, dass auch der Regelbetrieb wieder anläuft. Dieser Schritt hin zu einer gewissen Normalität ist sehr wichtig. Letztlich ist der ganz überwiegende Teil unserer Patienten nicht infiziert. Auch und gerade um diese oftmals schwer oder mehrfach erkrankten Menschen müssen wir uns als Universitätsmedizin kümmern. Deshalb haben wir auch unser OP-Programm bereits langsam wieder hochgefahren. Die Botschaft an alle Menschen in unserer Region lautet: Die Universitätsmedizin mit ihren Kliniken und Fachabteilungen ist wieder in einem deutlich gesteigerten Umfang für Sie da!

"Wir sind weiterhin auf alles vorbereitet." - Prof. Jochen A. Werner (FOTO: JAN LADWIG)

Sie haben Sorge, dass die Menschen nicht mehr zu Ihnen kommen?

Werner: Wir haben natürlich auch in den letzten Monaten viele Non-Covid-19 Patienten behandelt. Das ist unsere Auf Aufgabe, auch wenn nicht dringende Operationen teilweise verschoben werden mussten. Wir wissen aber, dass bundesweit zuletzt viele Menschen nicht mehr ins Krankenhaus gegangen sind – etwa aus Angst, infiziert zu werden –, obwohl sie sich schlecht gefühlt haben. Das ist falsch, denn so bleiben zum Beispiel auch Tumore unerkannt, wachsen weiter und können später nicht mehr adäquat operiert werden. Deshalb: Gehen Sie zum Arzt oder ins Krankenhaus, wenn Sie medizinische Behandlung benötigen.

Wenn diese Krise einmal vorbei ist, was hat sich dann im Gesundheitssystem verändert?

Kaatze: Die Krise ist noch nicht vorbei. Wir werden auf absehbare Zeit lernen müssen, mit Corona zu leben, so lange kein Impfstoff existiert. Die Frage ist auch, was muss sich verändern? Dass uns hochqualifiziertes Personal vor allem in der Pflege fehlt, das kann im Regelbetrieb durch große Kraftanstrengungen teilweise noch kaschiert werden. In der Corona-Krise wird es aber in schonungsloser Deutlichkeit offenbar. Ein zweiter Punkt sind globale Wertschöpfungsketten. Und hier sage ich als Kaufmann: Die Politik muss Regelungen finden, die unabhängig von möglichen Mehrkosten eine allzu starke Abhängigkeit von globalen Lieferketten reduziert. Wir dürfen nicht von 10.000 Kilometer entfernten Produzenten oder einem einzigen Hersteller eines Wirkstoffs abhängig sein.

Werner: Was sich geändert haben wird, ist die Beurteilung der systemrelevanten Arbeit, die Pflegefachpersonen, aber auch Ärztinnen und Ärzte leisten. Was sich unter allen Umständen ändern muss, ist die Geschwindigkeit in allen Fragen der Digitalisierung, wie wir es an der Universitätsmedizin Essen seit Jahren immer wieder einfordern. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass das deutsche Gesundheitssystem in weiten Teilen noch vorwiegend analog und damit ineffizient, träge und zu wenig verzahnt arbeitet. In der Universitätsmedizin Essen sind wir auf unserem Weg zum Smart Hospital, dem digitalisierten und menschlichen Krankenhaus, schon ein gutes Stück weiter. Von der elektronischen Patientenakte über Telesprechstunden bis hin zur App-gestützten Planung von Intensivkapazitäten oder unserem neuen Service- und Informationscenter nutzen wir jeden Vorteil der Digitalisierung. Aber im Zusammenspiel der Akteure im Gesundheitswesen ist noch viel Luft nach oben. Diese Krise wird der Digitalisierung den dringend notwendigen Schub geben.