Plötzlich Pfleger

Als Monika Leyk zum Pflegefall wird, trifft ihr Mann Harald eine Entscheidung: Er will sich selbst rund um die Uhr um sie kümmern. Wie schafft man das, ohne sich zu überfordern?

Es ist windig an diesem Februarmorgen in Essen-Rüttenscheid. Ellen Caroline Kusuran hat den Polo, den die Stiftung Universitätsmedizin Essen finanziert hat, im Hinterhof geparkt, direkt vor der Garage der Leyks, wie schon so oft. Jetzt steht sie vor dem Mehrfamilienhaus in der Tempo-30-Straße und klingelt. Die Tür springt auf. Oben, im ersten Stock, erwartet sie Harald Leyk. Die Gesundheits- und Krankenpflegerin hat den
72-Jährigen und seine Frau fast ein Jahr lang regelmäßig besucht. Jetzt kondoliert sie ihm. Monika Leyk ist vor zwei Tagen gestorben. Leyk bittet Kusuran in die kleine Wohnung. In einer Ecke des Flurs steht ein verwaister Rollstuhl. Im Wohnzimmer ein leeres Pflegebett. Von dort hatte Monika Leyk ein gerahmtes Foto ihres Enkels im Blick, daneben ein Großbild-Fernseher.

„Hier haben wir oft zusammen Apple-TV geguckt“, sagt Harald Leyk. Caroline Kusuran und er kennen sich seit knapp einem Jahr. Damals zeigte ihm die Gesundheits- und Krankenpflegerin in einem Schulungsraum des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ), wie man einen Patienten im Bett mobilisieren kann, ihn wäscht, in den Rollstuhl umsetzt. „Ich hatte bis dahin nie etwas mit Pflege zu tun“, sagt der gelernte Kfz-Mechaniker. „Trotzdem wollte ich das bei meiner Frau selbst machen.“

Wie geht es weiter?

2017 wurde bei Monika Leyk ein Hirntumor diagnostiziert. Sie bekommt Bestrahlungen, Chemotherapie. Erst wird der Tumor kleiner, dann kehrt er zurück. „Im April 2019 wurde Monika dann operiert“, erinnert sich Leyk. „Ein paar Tage danach habe ich Caroline kennengelernt.“ Die Gesundheitsund Krankenpflegerin und der Rentner sind schon länger beim Du. Vielleicht weil ein „Sie“ schnell künstlich klingt, wenn man über so intime Dinge wie die Pflege eines geliebten Menschen spricht.

Harald Leyk übernahm selbst die Pflege seiner Frau. (FOTO: BOZICA BABIC)

Als Monika Leyk nach der Operation auf der Station liegt und ihr Mann oft ganze Tage an ihrem Bett sitzt, spricht Kusuran die beiden an. Infolge der Krankheit ist Monika halbseitig gelähmt, nach der Entlassung wird sie Pflege benötigen. Brauchen die beiden Unterstützung? Angehörige anzusprechen gehört zu Kusurans Job. Die 43-Jährige arbeitet für das sechsköpfige Team der Familialen Pflege, das sich in der Universitätsmedizin Essen um Familienangehörige von Patienten kümmert. Harald Leyk wusste nicht, dass es dieses Angebot gibt. Und er nimmt es gerne an. Schon in der Klinik lässt er sich alles zeigen. Die Leyks sprechen mit Kusuran und dem Sozialdienst die Optionen für zu Hause durch. Schließlich entscheiden sie sich dagegen, einen Pflegedienst zu engagieren. „Den Rest der Zeit hätte ich ja ohnehin selbst pflegen müssen und auch die Hilfsmittel bezahlen“, sagt Harald Leyk. Das Pflegegeld wäre dann allerdings für den Pflegedienst draufgegangen.

Caroline Kusuran (l.) vom Team Familiale Pflege ist für Angehörige wie Harald Leyk eine große Stütze. (FOTO: BOZICA BABIC)

Nicht selten versuchten Familien, die neue Situation erst mal allein zu schultern, sagt Caroline Kusuran. „Für Angehörige bedeutet das oft, dass sie sich über die eigenen Grenzen hinaus verausgaben. In dieser Zeit brauchen sie Menschen, die ihnen auch mal sagen: Es ist okay, dass du von der Situation gerade überfordert bist. Tu mal was für dich.“ Solche Situationen gab es auch bei der Familie Leyk. Im Verlaufe der Krankheit kann sich Monika Leyk immer weniger bewegen, die Lähmungen breiten sich aus. „Meine Frau hat noch bis vor kurzem im Ehebett geschlafen“, sagt Harald Leyk. „Morgens und abends habe ich sie in den Rollstuhl gesetzt und ins Pflegebett im Wohnzimmer gefahren.“ Der Schritt, Monika dort nachts schlafen zu lassen, sei ihm schwergefallen.

„Ich habe ihn darin bestärkt, weil das Risiko für seine Frau dort bei Komplikationen viel geringer war“, sagt Kusuran. Auch bei schönen Dingen spricht die Gesundheits- und Krankenpflegerin dem Paar Mut zu. Als sich die Leyks im Herbst fragen, ob sie trotz ihrer Krankheit an die Nordsee fahren sollen, steht Kusuran mit Rat und Tat zur Seite. „Für die Reise habe ich mir einen Universalschlüssel bestellt, mit dem man alle Behinderten-WCs auf Tankstellen aufschließen kann“, sagt Leyk. „Dass man sich den einfach zuschicken lassen kann, wusste ich nicht.“

Praktische Tipps

Oft hilft sie den Betroffenen auch dabei, ihre Rechte durchzusetzen. „Es ist ein Wust an Bürokratie, mit dem sich pflegende Angehörige herumschlagen müssen“, sagt die Pflegefachfrau. Bei manchen Klienten reiche ein Ortstermin. Andere besucht sie monatelang immer wieder, so wie die Leyks. Caroline Kusuran sei „eine treue Seele“ gewesen, findet Harald Leyk. „Sie hat mich viele Sachen gelehrt. Zum Beispiel, wie ich meine Frau im Pflegebett drehen konnte, ohne dass sie hinausfällt, nämlich mit einem Gleittuch. Da wäre ich allein nie drauf gekommen.“ Kusuran hört aufmerksam zu, während der Witwer erzählt. Man merkt, er hat viel nachgedacht über das letzte Jahr mit seiner Frau. „Ich weiß nicht, ob ich das bei Fremden machen könnte“, sagt er. „Aber bei meiner Frau, da war das was anderes.“ Während er spricht, klingelt es an der Tür.
Ein Transportfahrer will das geliehene Pflegebett abholen.

Familiale Pflege

Einen Angehörigen zu pflegen, verändert die eigene Lebenssituation. Mit dem Angebot der Familialen Pflege unterstützt die Universitätsmedizin in dieser schwierigen Phase. Betroffene können individuelle Schulungen
und Trainings absolvieren, die sie auf die wichtigsten Anforderungen in der täglichen Versorgung ihres Angehörigen vorbereiten. Bei Patienten ab Pflegegrad 2 macht das Team auch Beratungstermine zu Hause. Alle Angebote sind kostenfrei.

Infos bei der Leiterin Petra Runge-Werner unter:

0201/7213-2792

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