Die richtige Entscheidung

Nicht immer herrscht Einigkeit darüber, was für einen Patienten das Beste ist – besonders, wenn es um Leben und Tod geht. Eine ethische Fallberatung hilft, in Konfliktfällen eine Lösung zu finden.

Seit gut zwei Monaten liegt Herr K. kaum ansprechbar auf der Intensivstation. Für ein Leberersatzverfahren wurde er von einer anderen Klinik an die Universitätsmedizin Essen verlegt. Die Ärzte tun, was sie können, aber sie bekommen immer mehr den Eindruck: Egal, was sie noch probieren, Herr K. wird die Station nicht mehr lebend verlassen. Sein Sohn jedoch möchte die Hoffnung nicht aufgeben, die Behandlung fortsetzen, nochmal umstellen. Ein Patient, zwei Meinungen – was also tun?

Hans-Jörg Stets ist Mitinitiator und Vorsitzender des Ethik-Komitees.

Wenn ein Patient seinen Willen selbst nicht mehr äußern kann und keine Patientenverfügung vorliegt, stellen sich viele Fragen: Was hätte er gewollt? Ist es sinnvoll weiter kurativ zu behandeln? Oder ist das Leiden größer als der mögliche Erfolg? Bei der Suche nach Antworten sind sich Behandelnde und Angehörige nicht immer einig. In solchen Fällen hilft das klinische Ethik-Komitee (KEK) der Universitätsmedizin Essen, einen Konsens zu finden: mit einer ethischen Fallberatung.

Seit 2013 gibt es das Angebot am Universitäts­klinikum Essen, seit 2018 an allen Tochterunternehmen der Universitätsmedizin. Über eine Telefonnummer oder eine Mailadresse können Behandlungsteams, Angehörige und Patienten selbst einen Termin vereinbaren. Neben den Fallberatungen arbeitet das KEK außerdem Leitlinien zu aktuellen ethischen Fragestellungen aus. So passte es im Frühjahr vor Corona beispielsweise Handlungsempfehlungen für eine Triagierung an, falls es zu einer Überlastung der Intensivstationen kommen würde. Hans-Jörg Stets ist von Beginn an Vorsitzender des KEK und selbst als Ethikberater tätig. Arzt ist er nicht, sondern Pfarrer. Im KEK finden sich auch Pflegekräfte, Sozialarbeiter und Psychologen. Der Ethikberater muss nicht die Rolle eines medizinischen Fachmannes einnehmen, erklärt Stets. Er vermittelt und moderiert. Stets: „Wir bringen die Kriterien für ein Gespräch auf Augenhöhe zwischen allen Beteiligten und ein paar einfache Fragen mit.“

Im Fokus: der Patientenwille

Die Kriterien, die er meint, sind vier medizinethische Prinzipien, an denen sich eine Behandlung orientieren soll: Fürsorge, Schadensvermeidung, Patientenautonomie und Gerechtigkeit. Welches Prinzip wie stark gewichtet wird, ist von Fall zu Fall unterschiedlich und hängt vom individuellen Wertesystem ab. Beispielsweise würde sich ein sehr alter, lebensatter Patient vielleicht eher gegen lebensverlängernde Maßnahmen entscheiden. „Wir wollen den mutmaßlichen Patientenwillen herausfinden“, betont Stets.

Sitzung: Einmal im Monat bespricht das Team Fälle und neue Projekte.

Dinge klar aussprechen

Dabei können die Angehörigen helfen. „Sie kennen den Patienten am besten und können vielleicht aus dessen Gewohnheiten oder früheren Gesprächen darauf schließen, was er gewollt hätte“, sagt Stets. Doch auch die Sichtweisen anderer Beteiligter an der Behandlung – Physiotherapeuten, Pflegefachpersonen, Ärzten – spielen eine Rolle. Nur so gelinge es, ein Gesamtbild der Situation zu zeichnen, betont Diplom-Psychologin Ute Niehammer. Sie ist seit circa drei Jahren nebenbei im KEK aktiv. „Wir können so dem Patienten gerechter werden, als wenn jeder nur seine Einzelmeinung kundtut“, sagt sie. „Außerdem ist es für die Angehörigen oft hilfreich zu sehen, dass der Mensch, der da liegt, für das Behandlungsteam kein Unbekannter ist, sondern viele sich Gedanken um ihn machen.“

Wenn jeder Beteiligte seine Sicht auf die Dinge klar und offen aussprechen kann, reiche das meist schon aus, um einen Konsens über das Therapieziel zu finden. Diese Erfahrung hat KEK-Leiter Hans-Jörg Stets in seinen sieben Jahren als Ethikberater gemacht. Denn oft handelt es sich bei den Konflikten, für die das KEK angefragt wird, gar nicht um klassische ethische Fragestellungen, sondern vielmehr um einen ausstehenden Abstimmungsbedarf. Das sagt auch Dr. Yael Hegerfeldt. Die Oberärztin der Intensivstation der Ruhrlandklinik – seit 2017 im KEK aktiv – erklärt: „Manchmal braucht es uns, um Dinge einfach klar auszusprechen.“

So auch im Fall von Herrn K. „Da habe ich die Situation am Ende mit den Worten zusammengefasst ‚der Sterbeprozess hat bei dem Patienten also schon begonnen‘. Das haben alle gewusst, aber durch die klaren Worte wurde es erst real“, so Hegerfeldt. Alle Seiten zu Wort kommen lassen, Hintergründe der Auffassung verstehen, Prinzipien abwägen, Klarheit schaffen und so am Ende eine gemeinsame Lösung finden – wenn das gelingt, war eine Fallberatung erfolgreich. Auch bei Herr K. waren sich am Ende alle einig: Er wurde palliativ weiter behandelt.

Das KEK ist telefonisch von Montag bis Freitag zwischen 9:00 und 14:00 Uhr unter 0201 723-1611 und rund um die Uhr per Mail an ethik.komitee@uk-essen.de erreichbar. Rückmeldungen erfolgen spätestens am nächsten Werktag