Nicht nur sauber, sondern rein

Dass den Ärzten nicht die sauberen Kittel und der Pflege nicht die frischen Bettlaken ausgehen, darum kümmert sich das Team vom Wäschezentrum. Warum es dafür körperliche Fitness, Organisationstalent und technisches Verständnis braucht, zeigt ein Blick hinter die Kulissen.

Wo sind die Waschmaschinen? Betritt man zum ersten Mal das Wäschezentrum der Universitätsmedizin Essen, stellt sich diese Frage sofort. Gabriele Rösner nimmt die Antwort vorweg, bevor man sie überhaupt aussprechen kann. „Wir haben schon vor Jahren die Reinigung an eine Großwäscherei in Wuppertal abgegeben, um Kosten und Ressourcen zu sparen“, erklärt die Leiterin des Wäschezentrums. „Dass wir hier nicht selbst waschen, wissen aber die wenigsten Patienten, und es führt immer wieder zu verwirrten Blicken.“

Sebastian Neumann ist eigentlich gelernter Automechaniker.

Die saubere und die schmutzige Seite

Nicht wie in einer Wäscherei, sondern wie in einem Logistikzentrum geht es hier zu. Auf der „sauberen Seite“, wie Gabriele Rösner und ihr Team den Bereich für die frische Wäsche nennen, werden saubere Wäschelieferungen angenommen, gewogen, sortiert, auf Wagen gepackt und schließlich im Klinikum verteilt. Auf der „schmutzigen Seite“, dem Nebenraum, werden gleichzeitig benutzte Textilien gesammelt, sortiert und nachmittags von der Großwäscherei wieder abgeholt. Rund sechs Tonnen Wäsche, vom OP-Kittel über Bettwäsche bis zum Babystrampler, werden so täglich im Wäschezentrum abgefertigt – in Handarbeit. Ein echter Knochenjob, sagt Mike Hartmann. „Ein vollgepackter Rollwagen mit frischer Wäsche kann bis zu 300 Kilogramm wiegen. Unser Rekord liegt bei 362 Kilo“, so der Vorarbeiter.

Das Team besteht daher vor allem aus kräftigen Männern. Vor dem Job im Wäschezentrum hatten die meisten von ihnen – außer privat – mit Wäsche wenig am Hut. Sie sind gelernte Handwerker: Automechaniker, Lackierer oder Maurer. Auch ein Bäcker ist dabei. „Als Handwerker in der freien Wirtschaft hat man es heutzutage sehr schwer“, sagt Sebastian Neumann, der eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker absolviert hat und seit zehn Jahren im Wäschezentrum arbeitet. „Hier haben wir einen krisensicheren Arbeitsplatz und geregelte Arbeitszeiten.“ Auch viele seiner Kollegen schätzen diese Vorteile des öffentlichen Dienstes, die ihnen die Universitätsmedizin bietet. Ins Wäschezentrum kam Neumann durch seinen Vater, der nebenan in der Abteilung für Desinfektion arbeitet. „Wenn etwas dorthin muss, sagen hier auch alle nur: Das kommt zu Papa Neumann“, erklärt Chefin Gabriele Rösner.

Kleidung aus dem Automaten

Dieses familiäre Miteinander habe sie von Anfang an geschätzt, sagt die 56-Jährige. Seit drei Jahren leitet sie nun das Wäschezentrum. Vorher arbeitete die gelernte Ökotrophologin in der Zentralküche des Klinikums – seit 1987. Sie gehöre praktisch zum Inventar der UME, sagt sie lachend. Der Wechsel zum Wäschezentrum sei bewusst und die richtige Entscheidung gewesen: „Ich mag das Koordinieren. Dauernd passiert etwas Unerwartetes, man muss spontan umdisponieren und trotzdem den Überblick behalten.“ Allein räumlich ist das schon eine Herausforderung angesichts der Türme aus Wäsche, dem Gewusel an Mitarbeitern und dem Labyrinth an Wäschewagen. Doch Rösner navigiert sich gekonnt an allen Hindernissen vorbei und erklärt, dass das vermeintliche Chaos ein klares System hat. Auf der rechten Seite des Raums: Handtücher und Personalkleidung, blaue für die Intensivbereiche, grüne für den OP. Auf der linken Seite: Baby- und Patientenkleidung. Alles ordentlich nach Größen sortiert. Sie zieht ein winziges Babyhemdchen aus dem Regal: „Das kleinste Teil beginnt bei Kindergröße 44.“ Dass Gabi Rösner als Chefin ein fast ausschließlich männliches Team dirigieren muss, war nie ein Problem. „Mein Chef hat mich durchaus am Anfang vorgewarnt“, erzählt sie. „Aber ich habe mir das zugetraut.“ Klar muss sie auch mal härter durchgreifen, aber auf „ihre Jungs“ kann sie sich verlassen.

Kleider aus dem Automaten

So ganz allein als Frau ist sie allerdings auch nicht. Weibliche Unterstützung bekommt sie von den vier Kolleginnen aus der Einkleidung, die ebenfalls zum Wäschezentrum gehört. Jeder Mitarbeiter der UME muss hier mindestens einmal vorbeischauen, um sich seine Kleiderkarte abzuholen. Damit lassen sich an den sogenannten Chiptex-Linern saubere Arbeitsklamotten „ziehen“ wie Schokoriegel an einem Snackautomaten. Fünf dieser Kleiderautomaten gibt es auf dem Klinikgelände. Der größte befindet sich in der HNO-Klinik. Durch den Spalt neben der Kleiderausgabe kann man nur erahnen, was für Ausmaße der Automat wirklich besitzt. Rund 3.000 Kleidungsstücke hängen dort an einer langen Kleiderstange, die sich quer durch einen großen Raum schlängelt und ihn ganz einnimmt. „Damit für jeden Arzt, Pfleger oder Handwerker immer das passende Kleidungsstück vorrätig ist, kümmert sich täglich ein Mitarbeiter von uns nur darum, alle Chiptex-Liner aufzufüllen und in Schuss zu halten“, erklärt Rösner.

Der Chiptex-Liner gleicht im Inneren einem automatisierten begehbaren Kleiderschrank im Riesenformat.

Mit Corona wurde diese Aufgabe noch aufwendiger. Denn aufgrund des notwendigen Infektionsschutzes wechselte das medizinische und pflegerische Personal während der Pandemie wesentlich häufiger die Arbeitskleidung. „Das haben wir in den Chiptex-Linern sofort gemerkt. Wenn wir den letzten fertig aufgefüllt hatten, konnten wir mit dem ersten gerade wieder anfangen“, erzählt sie. Manchmal übernehme sie den Job des „Chiptex-Liner-Manns“ auch selbst. Ihre Herzensaufgabe besteht allerdings darin, die Babykleidung zu sortieren: „Das ist den Jungs meist zu filigran.“